Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen aus der Wachstumstheorie

Ein Vergleich der Beiträge Solows und Kaldors

von Janina Meister

Bachelorarbeit
Prof. Dr. Dr. Dres. h.c. Bertram Schefold


» komplette Arbeit lesen (PDF)

Abstract

 Kaum eine Thematik erfreut sich einer solch allgegenwärtigen und stetigen Präsenz inpolitischen und gesellschaftlichen Debatten, wie das „Wirtschaftswachstum“.Eine langfristig positive wirtschaftliche Entwicklung gilt als Grundvoraussetzung gesellschaftlichen Wohlstands, denn diese fördert die Beschäftigung und generiert somit Einkommen, die individuelle und gesellschaftliche Handlungsspielräume erst eröffnen. Als politisches Ziel sind wirtschaftliches Wachstum und eine nachhaltige Entwicklung deshalb in vielen Volkswirtschaften im Gesetz verankert (für die Bundesrepublik Deutschland seit 1967 im „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“; vgl. §1, StabG). Während das Wachstum in der Praxis offenbar ein (im Großen und Ganzen) erstrebenswertes Ziel ist, scheinen aus theoretischer Sicht die Ursachen des Wachstums sowie die Einflussfaktoren auf die kurz- mittel- und langfristige wirtschaftliche Entwicklung unklar und strittig. Eine möglichst fundierte Kenntnis der Ursachen von Wachstum und Wohlstand stellt jedoch eine unabdingbare Voraussetzung für die erfolgreiche Gestaltung einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung dar. Wiederkehrende Debatten über eine Postwachstumsphase menschlichen Daseins sowie die Ungleichverteilung gesellschaftlichen Wohlstands weltweit verdeutlichen zudem die Reichweite und Vielschichtigkeit der Thematik. Die Diskrepanzen innerhalb der Wachstumstheorie jedoch scheinen unüberwindbar und eine effektive politische Gestaltung daher nahezu undenkbar.Denn während die postkeynesianische Wachstumstheorie – ähnlich der neueren Ansätze – die politische Gestaltbarkeit des Wachstumsprozesses betont, scheint die neoklassische Wachstumstheorie eine rein theoretische Wachstumsanalyse zu betreiben und den Wachstumsprozess bisweilen sogar als unabhängig von ökonomischen Entscheidungen zu betrachten.

In der Arbeit „Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen aus der Wachstumstheorie – Ein Vergleich der Beiträge Solows und Kaldors“ möchte ich anhand einer Gegenüberstellung der Wachstumsmodelle Robert Solows und Nicolas Kaldors den (pragmatischen) Beitrag der Ökonomie zur Erklärung wirtschaftlichen Wachstums näher beleuchten und insbesondere die Ableitbarkeit wirtschaftspolitischer Schlussfolgerungen aus volkswirtschaftlichen Wachstumsmodellen untersuchen. Jene Auswahl ist besonders aufgrund des unterschiedlichen Bekanntheitsgrades beider Werke interessant. Während das Solow-Modell (1956/57) bis heute Hauptreferenzwerk wachstumstheoretischer Forschung geblieben ist und Solow für seinen Beitrag zur Wachstumstheorie 1987 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, ist das Kaldor-Mirrlees-Modell (1962) weitgehend unbekannt geblieben. Darüber hinaus spiegelt sich in den Modellen der Gegensatz zwischen den beiden wichtigsten konkurrierenden makroökonomischen Grundpositionen, der keynesianischen Position einerseits und der neoklassischen andererseits. Damit können jene Werke gewissermaßen als Schlüsselbeiträge zum Verständnis ökonomischer Theorie auf dem Gebiet Wachstum und Entwicklung angesehen werden.

Die Arbeit skizziert zunächst die Entstehung der Wachstumstheorie als wissenschaftliche Forschungsdisziplin sowie deren Forschungsstand, wobei bewusst eine parallele Betrachtung von

Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte gewählt wird (Kap. 2). Im Hauptteil folgen die Darstellung der Beiträge Solows und Kaldors sowie die Herausarbeitung theoretischer Ergebnisse und wirtschaftspolitischer Schlussfolgerungen (Kap. 3). Anschließend wird im Rahmen einer vergleichenden Betrachtung ein Deutungsversuch der Gemeinsamkeiten und Unterschiede mittels Einbeziehung biografischer und wissenschaftshistorischer Hintergründe unternommen (Kap. 4). Besonders interessant ist dabei die Frage nach dem Einfluss der unterschiedlichen Herangehensweisen neoklassischer und keynesianischer Theorie auf die Ergebnisse beider Ökonomen. Die abschließende Bewertung widmet sich einerseits der Frage, welchen wirtschaftspolitischen Beitrag zur Gestaltung eines nachhaltigen Wachstums beide Ökonomen leisten können und andererseits jener, welche Erkenntnisse sie zur theoretischen Erforschung der Wachstumsursachen beitragen. Weiterhin wird gefragt, ob sich die Ergebnisse gegenseitig ausschließen oder sogar ergänzen können.

Im Rahmen der Arbeit können die eingangs vermuteten Gegensätze zwischen wachstumstheoretischen Ergebnissen und wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen aufgezeigt werden. Als mithin zentrales Ergebnis des Vergleichs kann jedoch vor allem die Bedeutung der individuellen Entstehungshintergründe der Modelle (Forschungsinteresse, Wissenschaftsverständnis, wissenschaftliches Umfeld) für die Gegensätzlichkeit der Ergebnisse dargelegt werden. Während der Anspruch Kaldors grundlegend eher praktischer Natur ist, gibt bei Solow weniger eine pragmatische Verwertbarkeit, als ein theoretisches Forschungsexperiment den Anlass zur Beschäftigung mit der Wachstumsthematik. Auch für die Begründung der Stabilität des Nachkriegswachstums finden beide eine andere Erklärung; während Solow die Flexibilität der Produktion in den Mittelpunkt stellt, gleichen bei Kaldor Schwankungen in der Einkommensverteilung (konjunkturelle) Schwankungen aus. Die Argumentationsweisen neoklassischer und keynesianischer Theorie hinsichtlich von Ersparnis und Investition scheinen hierbei ebenfalls von zentraler Bedeutung für die theoretischen Differenzen.

Insgesamt gelangt die Arbeit zu folgender Einschätzung: Obwohl beide Ökonomen in ihren wachstumstheoretischen Beiträgen zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangen, erweist sich ein Vergleich als aufschlussreich. Die Differenzen der Ergebnisse und Schlussfolgerungen werden dabei insbesondere vor dem Hintergrund unterschiedlicher Ansätze plausibel. Während der theoretische Beitrag Solows zum einen in der Entdeckung der eigentlichen Bedeutung des technischen Fortschritts, vor allem aber in der Konzeption einer Methode gesehen werden kann, die es erstmals erlaubte die Bedeutung möglicher Einflussfaktoren auf das Wachstum zu quantifizieren, leistet Kaldor die Integration des technischen Fortschritts als endogene Modellvariable. Der politische Beitrag Solows hingegen kann aus den betrachteten Aufsätzen nicht abschließend bewertet werden. Kaldors weitreichende praktische Hinweise scheinen ebenfalls nur bedingt direkt ableitbar. Beide Beiträge können sich insgesamt dennoch ergänzen. Hinsichtlich wirtschaftspolitischer Schlussfolgerungen ließe sich etwa durch einen Kompromiss aus pragmatischem und theoretischem Anspruch an Aussagekraft gewinnen. Gleichwohl könnte eine Integration von Produktions- und Verteilungsaspekten ein insgesamt glaubwürdigeres Modell bilden.

Mit der Betrachtung zweier solch unterschiedlicher Modelle und der integrativen historisch verstehenden Perspektive der konkurrierenden ökonomischen Theorien kann die Arbeit vielleicht einen Ansatz zur integrierten Wachstumsforschung bilden, wodurch die Wachstumstheorie insgesamt an Relevanz und Pragmatismus gewinnen könnte.