Selbstüberschätzung bei angehenden Finance- und Management-Studierenden

Eine quantitative Analyse der Determinanten von Overconfidence

von Catharina Köhler

Bachelorarbeit (WiSe 2015/16)
Prof. Dr. Horst Entorf (Applied Econometrics and International Economic Policy)

Abstract

Weisen Studierende der Studienschwerpunkte Finance & Accounting und Management bereits zu Studienbeginn eine verzerrte Selbstwahrnehmung bezüglich ihrer mathematischen Leistungsfähigkeit auf? Existieren in diesem Zusammenhang maßgebliche Faktoren, die Selbstüberschätzung begünstigen?

Unsicherheiten sind ständiger Bestandteil unseres Alltags, seien es unerwartete Situationen, der Umgang in zwischenmenschlichen Beziehungen oder die Einschätzung der eigenen Person bezüglich bestimmter Fähigkeiten und Fertigkeiten. Insbesondere in wirtschaftlichen Berufsfeldern ist die sogenannte Overconfidence ein verbreitetes Phänomen. Eine falsche Selbsteinschätzung, übertriebener Optimismus und mangelnde Selbstkritik beeinträchtigen Karrieren in unterschiedlichsten Stadien: Dem Berufseinsteiger bieten sich aufgrund des anhaltenden Fachkräftemangels zwar vielfältige Chancen, häufig scheitern diese jedoch an mangelnder Sozialkompetenz und Selbstüberschätzung. Auch die Selbstwahrnehmung hierachiehoher Manager stimmt oft nicht mit dem Fremdbild überein: Dem Vorgesetzten werden meist nur Erfolgsmeldungen weitergeleitet, Missstände hingegen selten wegen mangelnden Vertrauens und der Angst vor Konsequenzen. Aufgrund der teilweise schwerwiegenden Folgen forscht die Psychologie und Wirtschaftspsychologie nach Ursachen für Wahrnehmungsschwächen in Bezug auf die eigene Person.

Die vorliegende Arbeit untersucht vor diesem Hintergrund die Fähigkeit der Leistungseinschätzung von Studienanfängern im ersten Semester des Bachelor-Studiengangs Wirtschaftswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt. Ziel ist herauszufinden, ob sich Studierende durchschnittlich überschätzen und ob diese vermeintliche Selbstüberschätzung bereits zu Beginn des ersten Semesters vorliegt oder sich erst im Laufe des ersten Semesters herausbildet. Da Mathematik in den Wirtschaftswissenschaften als Schlüsselqualifikation gilt und somit wichtige Grundlage des entsprechenden Studiums ist, wurden im Rahmen des BMBF-Projekts „Starker Start ins Studium“ in Zusammenarbeit mit dem Interdisziplinären Kolleg Hochschuldidaktik im Sommersemester 2015 unterschiedliche Evaluationen und eine Datenerhebung an mehreren Messzeitpunkten in der Pflichtveranstaltung „Mathematik für Wirtschaftswissenschaftler“ durchgeführt. Meine Analysen basieren auf dieser empirischen Studie und ihrem Datensatz. In meiner Arbeit wird die Hypothese analysiert, dass die Studierenden des voraussichtlich gewählten Schwerpunktes Finance- & Accounting (F&A-Studierende) in höherem Maß zu Overconfidence bzw. erhöhtem Confidence-Level neigen als Studierende der voraussichtlichen Spezialisierung Management.

Das Confidence-Level ist eine mathematische Kennzahl und wird durch das Verhältnis zwischen Selbsteinschätzung und erreichtem Klausurergebnis quantifiziert. Mithilfe von drei Übungsklausuren und der finalen Abschlussklausur des Moduls wird das individuelle Confidence-Level pro Studierendem zu vier Messzeitpunkten während des Semester gemessen.

Deskriptive Auswertungen zeigen, dass Management-Studierende im Durchschnitt über den Zeitablauf eine schlechtere Leistung zeigen und sich gleichzeitig häufiger überschätzen als F&A-Studierende. Weiterhin wird deutlich, dass sich F&A-Studierende im Durchschnitt und insbesondere zu Semesterbeginn maßgeblich unterschätzen. Wohingegen sich Management-Studierende nicht nur zu Studienbeginn, sondern über das gesamte Semester hinweg optimistischer einschätzen und gleichzeitig tendenziell schlechter abschneiden. Allerdings wird mithilfe des Rangsummentests nach Wilcoxon lediglich zu Semesterbeginn ein statistisch signifikanter Gruppenunterschied bezüglich des Confidence-Levels festgestellt.

Der Einfluss möglicher Prädiktoren von Overconfidence wird mithilfe von Multivariaten OLS-Regressionen (Ordinary Least Squares) untersucht. Hierbei wird sich auf die Analyse von zwei Messzeitpunkten beschränkt: Der erste betrachtete Messzeitpunkt bildet die Abschlussklausur des Mathematik-Vorkurses, in dem mathematische Inhalte aus der Mittel- und Oberstufe wiederholt werden und sich die Studierenden – unabhängig vom Zeitpunkt des Abiturs – auf ähnlichem Leistungsniveau befinden. Der zweite Messzeitpunkt ist nach der Abschlussklausur des Moduls am Semesterende. Zunächst wird pro betrachtetem Messzeitpunkt von einem simplen Basismodell ausgegangen, in dem die abhängige Variable Mathematische Confidence-Level ist, die auf die Basisprädiktoren Schwerpunktwahl, Geschlecht und vermeintlich vorhandenen Migrationshintergrund regressiert wird. Dieses Basismodell wird im Zuge einer hierarchischen Regressionsanalyse um weitere mögliche Prädiktoren wie das Geburtsjahr, die Abitur-Note und die Leistung im Mathematik-Abitur sowie Interaktionsvariablen erweitert.

Die OLS-Regressionen zeigen einen statistisch signifikanten Einfluss des Geschlechts und der Schwerpunktwahl auf das Ausmaß an Confidence sowohl zu Semesterbeginn als auch Semesterende: F&A-Studierende weisen ein durchschnittlich geringeres Confidence-Level auf als Management-Studierende. Weibliche Studierende schätzen sich unabhängig von der Schwerpunktwahl weniger optimistisch ein als männliche Studierende. Außerdem zeigen Studierende mit Migrationshintergrund zu Semesterbeginn ein signifikant höheres Ausmaß an Confidence, allerdings ist dieser Unterschied zu Semesterende statistisch insignifikant. Zudem zeigt sich, dass die Einschätzung der eigenen Leistung in der Abschlussklausur am Semesterende abhängig von der jeweilig erbrachten Leistung im Abitur ist: Je schlechter die Abiturnote, desto höher das Confidence-Level. Die Intensität dieses Einflusses variiert allerdings mit Geschlecht und Schwerpunktwahl.

Zu beachten ist, dass die OLS-Methode u.a. das Vorliegen einer Zufallsstichprobe voraussetzt, was laut inverser Mill’s Ratio der Fall ist. Kontrolliert man dennoch für Sample-Selection zeigt sich, dass generell lediglich das Geschlecht und zu Semesterende zusätzlich die Leistung im Mathematik-Abitur signifikanten Einfluss auf das Confidence-Level nehmen.

Insgesamt zeigen die Analysen, dass das Confidence-Level der Studierenden systematisch Einflussfaktoren unterliegt. Um die Chancengleichheit zu verbessern und eine korrekte Selbstwahrnehmung von Studierenden durch das Lehrangebot zu schulen, bietet es sich an, zu dieser Thematik weitere Forschung zu betreiben.