Workload und Credit Points im Bachelorstudium

von Amelie Adelberger

Seminararbeit (SoSe 2016)
Prof. Dr. Helmut Niegemann (Seniorprofessur für Wirtschaftspädagogik)

Abstract

Ich studiere im sechsten Fachsemester Wirtschaftspädagogik im Bachelor. Zu häufig ist unter meinen Kommilitonen schon ein Satz wie ,,Ach, dieses Fach gibt doch nur fünf Credit Points, da reichen vier Tage lernen vorher völlig!“ gefallen. Erst in meinem fünften Semester hatte ich zudem erfahren, dass es hierzu tatsächlich genaueste Berechnungen zum erwarteten Zeitaufwand gibt. Laut unserer Prüfungsordnung entspricht der Zeitaufwand bei einem CP 30 Stunden für einen durchschnittlich begabten Studierenden. Für ein Modul mit 5 CP entspräche dies einem Aufwand von insgesamt 150 Zeitstunden. Laut dieser Berechnung wäre es also vollkommen unmöglich, in vier Tagen genug für dieses Modul zu lernen, sofern man davon ausgeht, dass vorher kaum, oder gar keine weiteren Stunden für dieses Fach aufgewendet wurden. Trotzdem ist dies beispielsweise eine übliche Methode, die nach persönlichen Erfahrungen im Studiengang Wirtschaftswissenschaft/Wirtschaftspädagogik funktionieren kann. Der Fokus liegt hierbei nicht auf der Lernmethode, sondern darauf, dass kurz vorher oder erst in der Prüfungsphase ein geringerer, jedoch komprimierterer, Zeitaufwand als empfohlen aufgewandt wird, um eine Klausur zu bestehen. Der unmittelbare Zeitaufwand muss nicht zwingend geringer sein, auch der Aufwand von mehr als den vorgegebenen Zeitstunden garantiert nicht das Bestehen einer Prüfung oder die vollständige Erfassung der Lerninhalte.

Woher kommt dann aber diese zeitliche Einschätzung für CPs, wenn sie in der Realität kaum von Studierenden angewendet wird, und wie fundiert sind diese Berechnungen? Um diese Fragen zu beantworten, beschäftigt sich die Seminararbeit zum Einen mit der Einführung von Credit Points durch den Bologna-Prozess und ihrer zeitökonomischen Bedeutung und zum Zweiten mit den drei repräsentativen deutschen Studien Deutsche Sozialerhebung, FELZ und ZEITLast, welche den tatsächlichen Zeitaufwand von Studierenden durch verschiedene Methoden erfassten.

Der Bologna-Prozess, welcher 1999 in der gleichnamigen Stadt erstmals formiert wurde, ist bis heute das größte Reformprojekt des europäischen Hochschulraums. Beteiligt sind mittlerweile 47 Mitgliedsstaaten mit dem Leitziel, europaweit einen einheitlichen Hochschulraum zu schaffen. Dies soll vor allem durch die Einführung von gestuften Studiengängen (Bachelor- und Mastersystem) und der internationalen Vergleichbarkeit von Studienleistungen umgesetzt werden. Im Rahmen dieses Projekts wurde das European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS) als einheitliche Bildungswährung eingeführt. Um den zeitökonomischen Aspekt des Bologna-Prozesses für Bachelorstudierende herauszuarbeiten, werden beide Maßnahmen in der Seminararbeit genauer betrachtet. Es wird deutlich, dass Studierende durch die gestaffelten Abschlüsse weniger Spielraum bei der Modulbelegung und weniger Zeit beim Bestehen von bestimmten Qualifikationen haben.

Innerhalb der Abschlüsse müssen auch entsprechend viele Credit Points, für den Bachelorabschluss beispielsweise 180, gesammelt werden. Ein durchschnittlich begabter Studierender sollte innerhalb eines Jahres 1.800 Zeitstunden aufwenden. Inwieweit diese Berechnungen realistisch sind, soll durch die Betrachtung drei verschiedener Studien erörtert werden.

Die Studien unterscheiden sich in der Stichprobenanzahl, der Art der Fragebögen und des Zeitpunkts bzw. Zeitraums der Befragung. Bei allen drei wird jedoch deutlich, dass im seltensten Fall das gewünschte Ergebnis des Zeitaufwands von 1.800 Stunden pro Jahr von Studierenden tatsächlich erreicht wurde. In einigen Fällen wurde die Vorgabe überschritten, in anderen weit unterschritten.

Letztendlich stellt sich die Frage, ob dieser Zeitaufwand überhaupt erfassbar und vergleichbar ist, da selbst die Bologna-Vorgaben noch nicht genügend empirisch erforscht wurden. Bei den Berechnungen wurde zudem außer Acht gelassen, welche Rolle hierbei der Lernende und der Lehrende spielt. Die Präsentation, die Menge und die Aufbereitung der Lerninhalte seitens der Professoren haben bspw. ebenfalls Einfluss auf die Workload der Studierenden. Des Weiteren beschäftigt sich die Seminararbeit mit der Frage, ob die 40-Stunden-Woche eines Berufstätigen, an welche sich die Bologna-Vorgaben anpassen, mit der Workload eines Studierenden verglichen werden kann. Auch kann nicht festgehalten werden, wie effektiv die Zeit für das Studium letztendlich genutzt wurde.

Schlussendlich wird deutlich, dass Credit Points eine erste Abschätzung der Workload darstellen können. Wie hoch aber der Zeitaufwand im Nachhinein tatsächlich ist, und welches Prüfungsergebnis damit erreicht werden kann, hängt von vielen Faktoren ab, weshalb solch eine quantitative Einschätzung nicht exakt gewährleistet werden kann.